Tag X – Der Tag an dem das Grauen kam…


dbw

Vor über 10 Jahren ging es mir schlecht, richtig schlecht. Ich hatte sehr sehr viel abgenommen. Hatte Kreislaufprobleme, Probleme Treppen zu steigen, das Klo und zuckersüße Getränke waren meine besten Freunde zu der Zeit. Mein damaliger Hausarzt hat dann mal die Schilddrüse gecheckt, die war jedoch ok, ansonsten sollten ich mich mal ausruhen und bisschen mehr trinken. Ok, noch mehr als circa 10 Liter am Tag? Ich schlich dann wieder nach Hause und mir ging es weiterhin bescheiden.

Dann, heute genau vor 10 Jahren. 

So beschissen kann es einem doch gar nicht gehen dachte ich mir immer nur. Ich komm nicht mal mehr aus dem Bett. Alles ist so schwer, ich so müde und warum zur Hölle fällt mir das atmen so schwer? Das tut ja richtig weh? Hm, vielleicht hab ich wieder Sodbrennen. Hab ich ja öfter zur Zeit. Zwischendurch mal meinem Freund schreiben, soll mich mal etwas bedauern weil es mir so schlecht geht. 😦
Hm, super, bedauert werde ich, aber vorbei kommen will er nicht, will wohl auch nicht krank werden. Naja gut. dann halt nicht. Pöööh, irgendwie ist mir eh grad alles egal, das atmen wird schwerer, ich bin sooo müde. Egal.
Oh, er möchte doch vorbei kommen, wie schön. (Ich weiß nun nicht mehr ob ich die Tür aufgemacht hab oder meine Mutter, in deren Haus ich damals ne Wohnung hatte). Er legt sich zu mir, das ist schön, mir gehts so schlecht, so richtig schlecht und dieses verdammte stechen beim atmen. Das nervt. 
Ich werde überredet zum Arzt zu gehen, mein Hausarzt hat Urlaub, also zu ner Vertretung. Auch Wurscht, solange ich nicht fahren muss. Wir also hin. Ich dann der „netten“ Sprechstundenhilfe mal gesteckt, das ich Sodbrennen hab, weil es so weh beim atmen tut.
Nach ner gefühlten Ewigkeit warten und ner Flasche Wasser später komm ich ran, mir gehts sooo schlecht, das atmen ist so schwer und komisch. Ob mich darum die Leute im Wartezimmer so blöd anschauen? Ach, egal, hab halt Sodbrennen. 
Ich dann rein zum netten Arzt, ihm erzählt, das ich Sodbrennen hab, der gibt mir zwei Tabletten und ne Tüte wo ich rein atmen soll. Der Arzt geht kurz raus um was zu holen oder so, ach hab nicht hingehört, ist ja auch egal, bin so müde und hey, da steht ja ne Liege, och, ich leg mich einfach mal hin…… Ja und dann kamen die Wolken und ich war irgendwie weg, bzw. hab keinen Plan mehr von nix. 

Ich wach mal kurz auf, bin irgendwo und da fummeln Krankenschwestern an mir da rum (mir wurde ein Katheter gelegt). Egal, ich schlaf weiter, so müde….

Ich wach wieder auf, oh, mein Freund ist ja da. Das ist schön. Ich schlummer immer wieder ein, schaffe es aber ihm zu sagen, dass ich gar nicht mehr Pipi machen muss, kein bisschen, das es doch komisch wäre. Naja gut, er hielt mir dann mal kurz meinen Katheter Beutel entgegen, oh, ok, ich schlaf nochmal weiter. Ich wach nochmal kurz auf, und er fragt mich, ob mir schon jemand gesagt hat was ich habe, nein sag ich. Du hast Diabetes sagt er und ich antworte, ja ich weiß und schlaf weiter. 

Ich wach immer mal wieder kurz auf, bin aber noch schrecklich müde, ab und zu ist mal jemand da, aber ist nie lang, liegt aber wohl auch daran, das ich immer wieder einschlafe. 

Am nächsten Tag gehts mir schon etwas besser, bin aber noch müde, ich werde um 5 Uhr geweckt, waschen, was schwierig ist, weil da so zwei Schläuche an mir dran hängen und ich noch den Katheter hab. Ich schlaf dann nochmal weiter, versuch ich zumindest, es wird immer an mir rum gefummelt, Blutdruck gemessen, Blut aus dem Ohr genommen. Dann kommt schon das Frühstück. Ich muss immer so eklige Brausetabletten in Wasser aufgelöst trinken, das voll ekelig und mir tut das schlucken so weh. Ekelhaftes Zeug, was das wohl ist? (Es war Kalium, hatte natürlich nen totalen Mangel). Ich schlaf noch viel, bekomm aber schon wieder mehr mit. 

3. Tag Intensiv, heute soll ich auf Station kommen. Mir wird der Katheter gezogen, auch Infusion und die Nadel vom Perfusor wird gezogen. Es kommt ne Schwesternschülerin mit 2 Pens an (ich kenn die Dinger von der Tochter meines Freundes), gebrauchte hässliche Dinger mit Kleberesten dran. Ich soll mich spritzen, jo kein Problem, wohin? Zu dumm, das sie ne Schwesternschülerin schicken, die selbst keinen Plan hat, also überleg ich wie es bei der Kleinen von meinem Freund gemacht wird und piks mir ins Bein. Bekomme dazu noch nen Blutzuckermessgerät. Nen tolles Accu Chek Comfort (ich glaub nicht, das es neu ist, ist in keiner Verpackung drin oder so) Accu_Chek_Comfort_B

Irgendwie übekommt mich stolz, mein eigenes Blutzuckemessgerät. Geil. Meine Oma hatte damals auch eins, aber das war so schrecklich hässlich und ekelig und vollgeschmiert mit ihrem Blut. Brrrr…. so wird meins nie aussehen. 
Es kommt nun die nette Diätassistentin, sieht die schlimmen Pens und sagt, nee so geht das nicht, sie bekommen neue. Ich entscheide mich für einen dunkelgrünen Novopen 3 und einen grünen Novopen Junior. Bin nun noch stolzer drauf und dazu bekomm ich noch nen Tagebuch um meine Werte aufzuschreiben. Nachdem noch nen Schwangerschaftstest gemacht wurde (oh welch Freude, diese Toilettenstühle sind ne Katastrophe) bin ich dann auf die normale Station gefahren worden. Wie schön, endlich normal Leute (lag auf der Intensiv mit nen Opa der immer ins Bett gesch… hat und nen jungen Mädel, welches nur am kotzen war wegen ner Überdosis Schlaftabletten).
Naaa toll, nur alte Frauen auf meinen Zimmer, super. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Aber ich hab schnell gemerkt, das die super drauf waren und ich kein besseres Zimmer hätte haben können. Mir wurde noch ein Buch gegeben, eine Liste mit Kohlenhydraten und Nahrungsmittel zum orientieren. Das Buch heißt „Gut leben mit Typ 1 Diabetes“ und ich freu mich drauf es zu lesen. Aber als erste, ich muss aufs Klo und mir ganz schnell die Haare waschen. Da ich ja nicht alleine aufstehen darf, geh ich nicht auf den Flur zur Dusche, nee nee, die motzen nur, ich schleich mir nur schnell aufs Klo. Ich fühl mich super! Warum darf ich nicht alleine aufstehen? So nen Blödsinn. Ok, beim Haare waschen übers Waschbecken hab ich es dann gemerkt, hui, hat sich alles gedreht aber hey, meine Haare sind gewaschen, DAS war es mir wert. 

Ich fühle mich super, das bisschen messen und spritzen, pffft. was ist das schon? Nix, nen Witz. Kein Problem. Die Zeit im Krankenhaus war recht gut, mein Freund besucht mich jeden Tag, bringt mir Knabbersachen mit usw. Ist toll. Werte stabilisieren sich langsam. Super kann ich nur sagen.

So, ich werde entlassen. Ich hab Angst damit dann alleine zu Hause zu sein, was ist wenn was passiert? Wenn ich falsch spritze oder esse? Ich nicht merke wenn ich unterzuckere? Oh man, Fragen über Fragen, Gedanken rasen. Aber erstmal zum Hausarzt, nen blöden Spruch abholen „Na nun wissen Sie ja warum Ihnen immer so schwindelig war“ Da kommt Freude auf. Rezepte holen, Apotheke, ab nach Hause. 

Nun beginnt es erst richtig, ich fange an Angst zu bekommen, das ich es nicht schaffe, nicht hinbekomme damit zu leben. Habe Panik vor Folgeschäden, das ich nie eine Mama sein kann. Das mein Freund keine „kranke“ Freundin haben will, alles kommt mir in den Sinn und es ging nicht mehr weg. Schlafen? Kann ich nicht, nicht eine Minute. Angst vor allem. Es kommt dazu, das ich ganz schlimmen Haarausfall bekomme, meine Füße und Beine so schmerzen, ich Probleme mit dem sehen habe, kann nicht mal mehr fernseh gucken, erkenne nichts richtig. Brille gibts erst wenn sich der Blutzucker noch weiter stabilisiert und eingespielt hat. Circa 6 – 8 Wochen also kein Auto fahren. Super, ich liebe mein Auto. Nichts geht. Jetzt bekomm ich auch noch Verstopfung, so richtig schlimm, das sind Schmerzen das glaubt mir keiner und meine Beine und Füße und ich will endlich mal wieder schlafen. Nichts klappt, verdammter Diabetes! Mein Hausarzt stellt dann einfach mal ne Diagnose ohne Untersuchung. Sie haben ein Magengeschwür, nehmen sie mal Tabletten dagegen. Jau, mir ging es immer beschissener. Schlaf? Höchstens eine Stunde pro Nacht, sonst wach. Schmerzen im Magen/Darm Bereich, ich kann nicht auf Klo es tut so weh, dann noch der Rücken. Essen bleibt nicht bei mir, muss spucken nach dem Essen. Ich nehme weiter ab, locker 10 kg. Haare? Oh nein, wie ein gerupftes Huhn sehe ich aus. Ich will den Diabetes nicht. Mein Hausarzt gibt mir zig Tabletten für irgendwas. Es wird nicht besser, schlechter. Dann meint meine Mutter einmal, so Schluss, anderer Arzt, geh mal zu meinem. Ok, ich dann hin, mir ging es so dreckig. Es waren nun gnen guter Monat nach der Diagnose. Ich ihm alles erzählt, auch, dass ich wohl recht lange mit hohen Werten unterwegs war. 
„Tja sagte er, dein Körper rebelliert wohl. Er ist den Zucker gewohnt den er nun nicht mehr so bekommt und es ist wie ein Entzug. Das dauert und dann gehts Dir besser. “ Mir ging es danach schon besser und ich konnte die kommende Nacht doch sogar mal nen paar Stunden mehr schlafen. Es dauerte gute 6 Monate bis es mir gut ging, ich Auto fahren konnte, meine Haare wieder wuchsen und ich keine Schmerzen mehr hatte. Es war die Hölle, ich hab damals gefleht nicht mehr aufzuwachen, weil ich soviel Schmerzen hatte und nicht schlafen konnte, ich war fertig. Einfach nur fertig. 

Mein Freund hat sich in der Zeit von mir getrennt, er hatte eine andere kennen gelernt und naja. Ich weiß nicht genau warum, wieso weshalb aber eins weiß ich, ich bin ihm dankbar, das er damals obwohl er nicht kommen wollte, doch zu mir gekommen ist. Ich weiß nicht was gewesen wäre, wenn er es nicht getan hätte. Wer hätte mich gefunden? Und wie? Und wann? Ich mag nicht drüber nachdenken. Wir haben heute wieder Kontakt, ich bedanke mich jedes Jahr an meinem Jahrestag bei ihm. 

Als ich jetzt den Text geschrieben habe, und an die Zeit damals gedacht habe, sind mir doch nen paar Tränchen runter gekullert. Ich bin dann schon sehr sentimental aber ich finde es nicht schlimm. Ich feier diesen Tag darum, nur für mich. Ich bin heute, doch sehr froh, dass ich noch lebe, recht gut sogar. 

Ich bin zum Teil froh, Diabetikerin zu sein. Ich bin dadurch um einiges Selbstbewusster geworden, habe schrecklich viele liebe Leute kennen gelernt, die ebenfalls Diabetes haben, alles machen was sie möchten, sich davon nicht aufhalten oder unterkriegen lassen und ich bin schrecklich froh für diese Erfahrungen. 
Wenn ich mal wieder nen Anflug eines Tiefs habe, rede ich mir gerne ein, dass nur die starken Menschen Diabetes bekommen, weil nur diese damit zurecht kommen! Mir hilft es und ich fühle mich gut. 

Ich bin auch froh, dass es Blogs von anderen Diabetikern gibt, wo man auch deren Schicksale lesen kann, wie sie den Alltag meistern, ich finde es einfach nur toll. Foren, Gruppen, Online Community, einfach Klasse und für mich persönlich eine riesen Motivation. Ich danke daher allen, die mich und auch andere an ihren Leben teil haben lassen und kleine Motivationen sind um immer weiter zu machen, egal was passiert. Danke danke danke….

Jetzt freu ich mich auf die nächsten „süßen“ Jahre und auf das, was noch alles passiert. 🙂

Eure Linoi

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von linoiszuckerblog

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